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Übersicht14. Mai 2026 · 6 min Lesezeit

Das SARS-CoV-2 Spike-Protein: Zehn ungewöhnliche Strukturmerkmale und ihre Persistenz über alle Varianten

Ein neues Übersichtspapier von Gerlach et al. (2025) inventarisiert systematisch zehn strukturelle, funktionelle und genomische Besonderheiten des SARS-CoV-2 Spike-Proteins – und kommt zu einem bemerkenswerten Befund: Kein einziges der acht protein-bezogenen pathobiologischen Merkmale ist im Verlauf der Variantenevolution verloren gegangen. Fünf davon sind in späten Omicron-Varianten sogar verstärkt.

Spike-ProteinImmunologie
Team healthcare channel
Wissenschaftliche Redaktion

Ein neues Übersichtspapier von Gerlach et al. (2025) inventarisiert systematisch zehn strukturelle, funktionelle und genomische Besonderheiten des SARS-CoV-2 Spike-Proteins – und kommt zu einem bemerkenswerten Befund: Kein einziges der acht protein-bezogenen pathobiologischen Merkmale ist im Verlauf der Variantenevolution verloren gegangen. Fünf davon sind in späten Omicron-Varianten sogar verstärkt.

Das Paper nimmt bewusst eine quellenagnostische Haltung ein: Es bewertet nicht, wie diese Merkmale entstanden sind, sondern was sie sind, wie gut sie belegt sind und ob sie weiterhin vorhanden sind.

Merkmale auf Protein-Ebene

1. Furin-Spaltstelle (FCS)

Das SARS-CoV-2 Spike-Protein besitzt eine polybasische Furin-Spaltstelle (RRAR-Motiv an den Positionen 681–685), die bei den nächsten bekannten verwandten Coronaviren nicht vorkommt. Furin ist ein ubiquitär vorhandenes zelluläres Enzym, das Spike bereits während der Biosynthese spaltet. Dabei entstehen freie S1-Untereinheiten, die systemisch zirkulieren können – und mehrere der nachfolgend beschriebenen pathobiologischen Eigenschaften erst aktivieren.

Das RRAR-Kernmotiv ist unter allen bisher sequenzierten SARS-CoV-2-Linien absolut konserviert. In Omicron-Varianten führen Mutationen in der unmittelbaren Umgebung sogar zu einer erhöhten Spaltbarkeit.

2. Amyloidogene Epitope

Nyström und Hammarström (JACS 2022) identifizierten sieben Peptidsequenzen innerhalb des Spike-Proteins, die in vitro Amyloid-Fibrillen bilden können. Besonders relevant: Das Epitop Spike685 – unmittelbar nach der Furin-Spaltstelle gelegen – induziert Fibrinogen-Amyloidisierung zu fibrinolyserobusten Fibrin-Strukturen. Blutgerinnsel, die in Gegenwart von Spike685-Amyloid gebildet werden, widerstehen dem Abbau durch Plasmin weitaus stärker als normale Fibringerinnsel.

Alle sieben Epitope sind in konservierten Regionen des Spike-Proteins lokalisiert und in späten Omicron-Varianten erhalten. Die Amyloidogenität des Rezeptorbindungsdomäne (RBD) ist bei Omicron sogar experimentell erhöht.

3. Superantigen-ähnliches Motiv und neurotoxin-homologe Sequenzen

Die Sequenz Y674–R685 des Spike-Proteins zeigt Ähnlichkeit zu Staphylokokken-Enterotoxin B (SEB), einem bekannten Superantigen. Dieses Motiv wurde als möglicher Beitrag zur polyklonalen T-Zell-Aktivierung bei schwerem COVID-19 und MIS-C diskutiert.

Unabhängig davon enthält der Rezeptorbindungsbereich (S375–L390) eine zweite Region mit struktureller Homologie zu Neurotoxinen verschiedener Schlangengattungen (Kobra, Krait). Molekulare Bindungsanalysen deuten auf eine mögliche Interaktion mit nikotinischen Acetylcholinrezeptoren hin, obwohl direkte funktionelle Nachweise noch ausstehen.

Beide Regionen sind in aktuellen Varianten voll konserviert.

4. Prion-ähnliche Domänen (rechnerisch ermittelt)

Der Rezeptorbindungsbereich enthält Asparagin/Glutamin-reiche Sequenzabschnitte (Q474, N481, Q493, Q498, N501), die algorithmisch als prion-ähnliche Domänen eingestuft werden. SARS-CoV-2 ist das einzige bekannte Coronavirus, bei dem solche Domänen direkt in der Rezeptorbindungsregion lokalisiert sind.

Neuere Bindungsassays zeigen, dass das Omicron-BA.5-RBD α-Synuclein – das bei Parkinson-Erkrankungen zentrale Protein – mit etwa doppelter Affinität bindet als das Wildtyp-RBD. Die klinische Bedeutung dieser Beobachtung ist noch unklar und bedarf weiterer Forschung.

5. Erweiterter S1/S2-Loop und Neuropilin-1-Bindung

Das QTQTN-Motiv (Positionen 675–679) ist eine fünf-Aminosäuren-Erweiterung, die SARS-CoV-2 von anderen Sarbecorviren unterscheidet. Nach Furin-Spaltung entsteht ein sogenanntes CendR-Motiv, das Neuropilin-1 (NRP1) bindet – ein Protein, das insbesondere in Riechneuronen und Endothelzellen stark exprimiert wird. Dies ist ein diskutierter Faktor bei COVID-bedingtem Geruchsverlust und vaskulärer Pathologie.

Das QTQTN-Motiv ist in allen bisherigen Varianten absolut konserviert.

6. N-Glykosylierung und DC-SIGN-Interaktion

Das Spike-Protein trägt 22 N-gebundene Glykosylierungsstellen, die als Liganden für DC-SIGN (CD209) und verwandte C-Typ-Lektin-Rezeptoren auf Antigen-präsentierenden Zellen fungieren können. Bemerkenswert ist, dass alle 22 Stellen trotz über 30 Aminosäure-Mutationen in der Omicron-RBD vollständig erhalten sind. Gleichzeitig hat sich die Glykanzusammensetzung in Richtung oligomannosereicher Strukturen verschoben – dem bevorzugten DC-SIGN-Liganden.

7. Optimierte ACE2-Bindungsaffinität

Bereits bei seiner ersten Detektion Ende 2019 zeigte SARS-CoV-2 eine 10–20-fach höhere Bindungsaffinität für den menschlichen ACE2-Rezeptor als SARS-CoV-1. Diese Affinität ist über alle Varianten erhalten geblieben und in späten Omicron-Subvarianten (etwa KP.3 mit F456L+Q493E) weiter gesteigert worden.

8. Bakteriophagen-ähnliches Verhalten und toxin-ähnliche Peptide (vorläufig)

Eine Reihe von Studien einer italienischen Forschungsgruppe sowie des Joint Research Centre der EU-Kommission beschreiben zwei ungewöhnliche Beobachtungen:

  • SARS-CoV-2-Material soll in bestimmte Darmbakterien eindringen können, wo bakterielle Ribosomen virale RNA in Spike-Protein übersetzen.
  • In Blut-, Urin- und Stuhlproben von COVID-19-Patienten wurden toxin-ähnliche Peptide nachgewiesen, die strukturelle Ähnlichkeit zu tierischen Giften aufweisen (u.a. alpha-Conotoxin-ähnliche Peptide, Phospholipase A2, Kurzneurotoxin).

Das JRC testete Spike-Protein und diese Peptide an menschlichen iPSC-basierten 3D-Neuronenmodellen und beobachtete dosisabhängige Effekte auf die elektrische Aktivität und die Expression entwicklungsrelevanter Gene.

Die Autoren betonen ausdrücklich: Das bakteriophagen-ähnliche Verhalten stammt bisher aus einem einzigen Labor und muss unabhängig repliziert werden. Die toxin-ähnlichen Peptide wurden von zwei Gruppen nachgewiesen, bleiben aber ebenfalls vorläufig.

Merkmale auf Genomebene

9. CGG-CGG Codon-Duplett

Die zwei Arginin-Positionen 682–683 im Furin-Spaltmotiv werden durch ein CGG-CGG-Codonpaar kodiert. CGG ist der seltenste Arginin-Codon in Coronaviren (ca. 3 % Nutzung), aber gleichzeitig der häufigste Arginin-Codon in menschlichen Genen. Dieses Codonpaar ist in allen bisher sequenzierten SARS-CoV-2-Isolaten aller Varianten invariant erhalten.

10. BsaI/BsmBI-Restriktionsendonuklease-Muster

Das SARS-CoV-2-Genom enthält ein Muster von BsaI- und BsmBI-Schnittstellen, das bei vollständigem Verdau sechs nahezu gleichmäßig verteilte Fragmente erzeugt. Die Autoren stellen diesen Befund als genomische Beobachtung dar, ohne eine Entstehungshypothese zu benennen. In Omicron-Varianten ist dieses Muster durch Mutationen verändert; es ist damit Wildtyp-spezifisch.

Übergreifender Befund: Konservierung der pathobiologischen Merkmale

Das Paper fasst die Befunde in einer Konservierungsmatrix zusammen. Das zentrale Ergebnis: Kein protein-bezogenes pathobiologisches Merkmal ist über die Variantenevolution verloren gegangen. Von den acht Merkmalen auf Proteinebene sind fünf in späten Omicron-Varianten verstärkt, drei unverändert erhalten.

Die Autoren erklären dies strukturell: Immune-Evasions-Mutationen konzentrieren sich auf die Rezeptorbindungsdomäne – den Bereich, den neutralisierende Antikörper angreifen. Die pathobiologischen Merkmale hingegen liegen in strukturell stark konservierten Regionen, die für die virale Fitness unverzichtbar sind: Furin-Spaltstelle, Glykosylierungsstellen, erweiterter Loop.

Eine besondere Konsequenz der Omicron-Evolution: Die erhöhte Furin-Spaltbarkeit bei gleichzeitig reduzierter Membranfusion bedeutet, dass mehr freie S1-Fragmente in den Systemkreislauf gelangen – auch wenn die akute Lungenerkrankung milder verläuft. Diese freien S1-Fragmente tragen die amyloidogenen, superantigen-ähnlichen und neuropilin-bindenden Eigenschaften in sich.

Implikationen für mRNA-Impfstoff-kodiertes Spike

Das Paper weist darauf hin, dass mRNA-Impfstoffe die Wildtyp-Wuhan-Spike-Sequenz kodieren (mit zwei stabilisierenden Mutationen, aber unveränderter Furin-Spaltstelle). Die Merkmale 1–7 sind daher auch im impfstoff-kodierten Spike vorhanden. Die Autoren betonen, dass Expositionskontext und Dosis zwischen Infektion und Impfung wesentlich unterschiedlich sind, halten es aber für relevant, diese Überlappung in mechanistischen Analysen zu berücksichtigen.

Einordnung

Das Paper stuft die Evidenz explizit nach Stärke ab:

  • Starke Evidenz (Merkmale 1–3, 5–7): Mehrere unabhängige Laboratorien, Tiermodelle, Strukturbiologie, klinische Korrelation
  • Moderate Evidenz (Merkmal 4): In-silico-Vorhersage mit experimenteller Bestätigung, kein In-vivo-Nachweis
  • Vorläufige Evidenz (Merkmal 8): Bakteriophagen-Verhalten aus einem Labor, Toxin-Peptide aus zwei Gruppen
  • Genomische Beobachtungen (Merkmale 9–10): Dokumentierte Befunde ohne Interpretationskonsens
Quellen
  1. Nyström S, Hammarström P. Amyloidogenesis of SARS-CoV-2 Spike Protein. JACS. 2022. https://doi.org/10.1021/jacs.2c03877
  2. Westman J, Hammarström P, Nyström S. Spike685 amyloid fibrils generate fibrinolysis-resistant fibrin. Biochemistry. 2025. https://doi.org/10.1021/acs.biochem.4c00529
  3. Cheng MH et al. Superantigenic character of an insert unique to SARS-CoV-2 spike. PNAS. 2020. https://doi.org/10.1073/pnas.2010722117
  4. Daly JL et al. Neuropilin-1 is a host factor for SARS-CoV-2 infection. Science. 2020. https://doi.org/10.1126/science.abd3072
  5. Johnson BA et al. Loss of furin cleavage site attenuates SARS-CoV-2 pathogenesis. Nature. 2021. https://doi.org/10.1038/s41586-021-03237-4
  6. Tetz G, Tetz V. Prion-like Domains in Spike Protein of SARS-CoV-2. Microorganisms. 2022. https://doi.org/10.3390/microorganisms10020280
  7. Pistollato F et al. Effects of spike protein and toxin-like peptides on human 3D neuronal/glial model. Reproductive Toxicology. 2022. https://doi.org/10.1016/j.reprotox.2022.05.004
  8. Brogna C et al. Could SARS-CoV-2 Have Bacteriophage Behavior? Vaccines. 2022. https://doi.org/10.3390/vaccines10050708
  9. Wrapp D et al. Cryo-EM structure of the 2019-nCoV spike. Science. 2020. https://doi.org/10.1126/science.abb2507
  10. Watanabe Y et al. Site-specific glycan analysis of the SARS-CoV-2 spike. Science. 2020. https://doi.org/10.1126/science.abb9983
  11. Gerlach J, Baig AM, Jaeger B et al. Unprecedented Pathological Features of the SARS-CoV-2 Spike Protein and Their Conservation across Variant Evolution. Preprint 2025.